Mal bin ich Autor, mal bin ich Redakteur. Mal schreibe ich Texte, mal sehe ich sie durch. Mal nehme ich Verbesserungen vor, mal ärgere ich mich über die Verbesserungen anderer. Mal warte ich auf Feedback, mal lasse ich selber auf mich warten. Die beiden Teile meine Identität sind echt schwer über einander zu kriegen. Reflexionen aus einem persönlichkeitsgespaltenen Leben.
Von Gerald Beyrodt
Ein Teil meines Berufes besteht darin, Texte durchzusehen und Verbesserungen vorzuschlagen. Immer mal wieder beschweren sich Autorinnen und Autoren, dass ich noch nicht geantwortet habe. Weil der Text am Donnerstag kam, lang war, ich am Freitag Sendung hatte und damit vollauf beschäftigt war. Und weil ich dann in der nächsten Woche in der anderen Redaktion war und andere aktuelle Aufgaben hatte und keine Zeit hatte, ein halbstündiges Manuskript durchzusehen.
Das alles verstehen manche Autorinnen und Autoren nicht und wundern sich, dass ich eine Woche nicht geantwortet habe. Ich kann das gut verstehen. Ich bin auch lange Jahre Autor gewesen. Die Abgabe eines Manuskriptes ist doch so ein Meilenstein. Manchmal habe ich mich gefühlt, als ob ich einen Mühlstein verschoben hätte. Und in solchen Momenten möchtest Du dringend Feedback. Weil es einfach nicht denkbar ist, dass die Welt so weitergeht wie bisher, nachdem du diesen Text geschrieben hat. Und natürlich bist du auch ein bisschen unsicher. Hätte ich nicht doch die dritte Zeile von oben etwas anderes formulieren sollen? Ich kenne das alles gut. Und trotzdem bin ich manchmal genervt, wenn mich Autoren mahnen und einfach nicht begreifen, dass ich noch andere Aufgaben habe, die ich auch manchmal vorziehen muss.
Heute hingegen war ich mal wieder Autor. Ich habe ein langes Manuskript abgegeben. Fünf Minuten später habe ich auf mein Handy gestiert und festgestellt: „Meine Redakteurin hat noch gar nicht geantwortet.“ ich fand das unglaublich. Was sollte sie an einem Sonntag bei Sonnenschein anderes zu tun haben, als mein Manuskript zu lesen?

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