Nach ihrer Religion gefragt, sagen manche Leute ganz schnell: „Ich bin nicht orthodox.“ Fast noch, bevor sie überhaupt gesagt haben, dass sie jüdisch sind. Und dann folgen Sätze wie dieser, häufig von Männern ausgesprochen:„In der Orthodoxie werden Frauen nicht wie Menschen behandelt.“
Von Gerald Beyrodt
Manchmal wird es auch pathetisch mit Sätzen wie diesem: „Integration ist nicht verhandelbar.“ Zwischen den Zeilen steht: Ich bin so stolz, besser als die anderen zu sein. Für manche ist schon das Wort „orthodox“ ein Reizwort.
Auch ich halte mich lieber im egalitären Judentum auf. Ich fühle mich wohler in Synagogen, in denen Frauen und Männer im Gottesdienst gleich verpflichtet sind. Ich will mit meinem Schwulsein offen umgehen können, und das garantiert mir eine Bewegung am ehesten, die sich ganz offiziell zur Vielfalt der sexuellen Orientierungen bekennt.
„Ich kann nicht auf die Dauer meine Identität aus dem gewinnen, was ich nicht bin.“
Was also ist mein Problem mit den Sätzen von vorhin? Ein Problem ist der selbstgewisse Ton. Wenn Liberal-Sein unter anderem heißt, die eigene Position immer wieder in Zweifel zu ziehen, dann sind die Sätze nicht so richtig liberal. Sondern eher orthodox liberal oder kampfliberal. Ich kann auch Verletzungen gut verstehen, beispielsweise darüber, als Frau in der Orthodoxie nicht zum Minjan zu gehören. Ich verstehe auch, wenn Menschen israelischer Herkunft einen besonderen Hals auf die Orthodoxie haben, weil dort oft Religionsregeln der orthodoxen Lesart den öffentlichen Raum bestimmen. Nur ich kann nicht auf die Dauer meine Identität aus dem gewinnen, was ich nicht bin. ich wünsche mir ein Judentum, in dem jede und jeder, in die Synagoge gehen kann, in der er sich wohlfühlt.
Und so sehr ich das Verletztsein verstehe, habe ich Zweifel, dass es Sinn hat, vom egalitären Gottesdienst wie von einem Menschenrecht zu reden. Warum? Weil der religiöse Raum ein anderer Raum ist als das Arbeitsleben oder überhaupt das öffentliche Leben. Gottesdienstfragen stellen sich als die Besetzung von öffentlichen Ämtern, von Parteivorständen oder Wirtschaftsposten.
Wenn eine Religion beschließt, dass in ihr nur Transfrauen über ein Meter neunzig Priesterinnen sein können und sonst niemand – dann ist das o.k., scheint mir. So sind wohl leider auch Regeln wie Nur-Männer-Minjan in manchen Synagogen o.k., vermute ich. Aber vielleicht reicht jemand Verfassungsklage ein und zeigt, dass die orthodoxen Regeln gegen das Grundgesetz sind. Ich bin gespannt.
Vorhin war vom Selbstzweifel die Rede. Woran zweifle ich? Keine Minute an egalitären Gottesdiensten. Eine große Frage ist für mich der Umgang mit den Mitzwot und das Zusammenbringen von moderner Welt und Halacha. Ich habe Zweifel an der orthodoxen Einstellung (ungefähr: Das ist die Regel. War schon immer so. Ist unabänderlich). Und ich habe manchmal Zweifel am liberalen Umgang mit den Mitzwot. Liberale behandeln die Regeln manchmal so, als wenn sie ein Nice-to-have wären. Das ist nicht die Idee der Mitzwot. Die Lösung? Fällt mir bislang nicht ein. Aber wenn es so weit ist, melde ich mich.
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