Sonne, Wolken, Wellen: Und Jahrzeit meiner Mutter, der jüdische Todestag. Ich bin in England in der Gegend, wo meine Mutter überlebt hat, und gehe Erinnerungen nach. – Diesen Text habe ich in meinem Urlaub geschrieben. Inzwischen bin ich wieder zurück. Die Jahrzeit ist vorbei.
Von Gerald Beyrodt
Ob ich denn ein Jahrzeitlicht habe, fragt mich Andy, ein Bekannter aus der englischen Synagoge. Ich sage, nein. Es ist gerade Kiddusch, das Essen nach dem Gottesdienst. Die Gemeindemitglieder und Gäste sitzen an großen Tischen und mampfen. Andy holt eine Jahrzeitkerze aus dem Büro und sagt mir, ich soll sie in meine Tasche stecken. Ich frage mich, warum die Geheimnistuerei. Vielleicht wegen des Trageverbots am Schabbat? Aber so streng ist die Gemeinde eigentlich nicht.
Meine Mutter hat am Dienstag und Mittwoch Jahrzeit, also Todestag nach dem jüdischen Kalender. Ich bin in England, in St. Anne’s in Lancashire, nahe dem Ort, an dem meine Mutter überlebt hat, in Blackpool. Meine Mutter hat ihren zweiten Todestag, ihre Jahrzeit. Aber irgendwie ist hier immer für mich Jahrzeit. Unzählige Male beim Kiddusch und hinterher beim Lunch im Haus des Rabbiners werde ich gefragt, wieso ich in diese Gegend gekommen bin. Und immer wieder erzähle ich die Geschichte meiner Mutter. Der Rabbiner stellt mich an der Tafel auch mit dieser Geschichte vor.
Dann bin ich zu einer Reunion eingeladen. Ein Treffen mit lauter jüdischen Flüchtlingen, alle einst aus Deutschland gekommen, oder eher ihre Eltern. Um mich herum sitzen ältere Herrschaften. Ich bin mit meinen 58 Jahren hier auffällig jung. Wieder erzähle ich die Geschichte meiner Mutter. Und dann die Frage, in welchem KZ mein Großvater war. Vielleicht ist das hier ganz normal. Vielleicht unterhalten sie sich hier so. Über die KZs ihrer Eltern und Großeltern sprechen und übers Wetter.
Andy möchte, dass ich eine Rede halte. Ich finde, dass das nicht der Ort ist. Dann brechen die Senioren schon auf, und ich muss zum Glück keine Rede halten.
Ein paar Tage später bin ich in einem Museum über Blackpools illustre Showvergangenheit. Über Varietés, Clowns, Zauberkünstler. Über Riesenräder und Blackpools berühmte Illuminations, leuchtende Körper über der Straße. Ende des 19. Jahrhunderts, als der elektrische Strom noch neu war, eine Sensation.
Meine Mutter konnte mit Vergnügen ohne Sinn nie was anfangen. In die Oper ist sie gegangen, das ja, aber sie hat selbst der noch einen Sinn abgewinnen können. Und ich? Mit Clowns kann ich nichts anfangen, auf Achterbahnen wird mir leider schlecht, auch das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber letztes Jahr habe ich mir endlich Blackpools Dauerrummel Pleasure Beach angesehen, der bei Urlauben mit Mutter in Blackpool immer ausgespart wurde unter Naserümpfen über dieses scheußliche „Amusement“. Und sinnloses Vergnügen finde ich prima. Manchmal denke ich: Wenn die Zeiten so werden, dass es mit dem Sinn immer schwieriger wird, soll man sich wenigstens sinnlos vergnügen.
Nach dem nächsten Gottesdienst werde ich wieder häufig gefragt, was mich nach St. Anne’s bringt. Ich sage: „Die gute Luft und die wunderbaren Strände.“

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