Dass es jetzt ein Zentrales Liberales Beit Din neben dem überwiegend liberalen und nicht weniger zentralen Beit Din der Allgemeinen Rabbinerkonferenz gibt, ist mir lange unsinnig erschienen. Doch jetzt steht Tischa beAw (der Tag der Tempelzerstörung) vor der Tür. Und ich habe endlich den Sinn von zwei liberalen Rabbinatsgerichten verstanden.
Von Gerald Beyrodt
Erst habe ich die Sache wirklich nicht verstanden. Dass es neben dem Rabbinatsgericht der Allgemeinen Rabbinerkonferenz ein zweites Beit Din, das so genannte Zentrale Liberale Beit Din, geben sollte, erschien mir widersinnig. Schließlich besteht die Allgemeine Rabbinerkonferenz zu weiten Teilen aus Liberalen. Und dezentral ist das Beit Din der Allgemeinen Rabbinerkonferenz auch nicht wirklich. Mit einem Liberalen Beit Din gegen das überwiegend liberale Beit Din antreten: Was sollte das? Auch die Argumente der Akteure des neuen Beit Din haben mich nicht wirklich überzeugt. Man würde der Vorsitzenden des ARK-Bei-Din nicht wirklich vertrauen und sei menschlich total enttäuscht oder so ähnlich. Für mich klang das ziemlich beleidigt. Die sollen Gerichtsentscheidungen treffen und müssen sich nicht zwangsläufig lieb haben, habe ich gedacht. Ich habe mich auch gewundert, dass so wenig von den Aufgaben eines Beit Din die Rede war und so viel vom Einander-nicht-Abkönnen. Inwiefern es jetzt unmöglich sein soll, gemeinsam rabbinische Entscheidung zu treffen, es ist mir nicht klargeworden. Und irgendwie habe ich geglaubt, alle Beteiligten sollten mal ein Bierchen miteinander trinken, dann werde sich die Sache schon einrenken.
Jetzt steht Tischa beAw (Tag der Tempelzerstörung) vor der Tür. Das bedeutet, mindestens an diesem Tag scheidet Bierchen-Trinken aus, denn der Tag ist ein Fastentag. An Tischa beAw sollen wir daran denken, dass Gott Jerusalem wegen „sinat chinam“, wegen grundlosen Hasses unter Juden zerstört habe. Und als ich so über Sinat Chinam nachgedacht habe, wurde mir klar, warum sich ein zweites Beit Din gegründet hat. Das war alles schon zur Vorbereitung auf Tischa beAw. Die Initiatoren des neuen zentralliberalen Beit Din wollten verdeutlichen, wie es ist, wenn Jüdinnen und Juden einander hassen. Sie wollten die Absurdität auf die Spitze treiben, indem jetzt sogar liberale Juden liberale Jüdinnen hassen. Sie wollten zeigen, wie überflüssig das ist. Und dass das nicht sein darf. Und dann haben sie ihr Zentrales Liberales Beit Din präsentiert, als würden sie es ernst meinen. Ich wäre da glatt drauf reingefallen. Manchmal sind Rabbinerinnen und Rabbiner pädagogisch richtig gut drauf. Smarter Move, Zentrales Liberales Beit Din!

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