Pride: Kein sicherer Ort mehr

Avatar von jakob68


Der Cologne Pride hat mich verletzt. Der CSD ist für mich kein sicherer Ort mehr. Kein Ort, an dem ich mich sicher und vor allem frei fühle. Das ist schlimm, finde ich. Was ich meine? Zum Beispiel die „Free Gaza“-Transparente und Plakate „No Pride in Genocide“. Wieso ich die auf mich beziehe? Tja, wieso wohl?

Von Gerald Beyrodt

Ich stehe auf dem Kölner Neumarkt auf dem ColognePride und betrachte die Wagen und frage mich, ob ich den Regenschirm auch mal absetzen kann. Wofür wohl der Wagen steht, der gerade vorbeifährt? Die jungen Frauen und Männer (aber ich schaue eher die Männer an) tun etwas, was ich nicht unbedingt als „tanzen“ bezeichnen würde. Sie heben im Rhythmus den kleinen Finger oder lassen dezent den Mundwinkel zucken. Sie sehen so lustvoll aus wie die Klasse 9B vor der Chorprobe.

Ich frage mich, ob ich früher die Steherei auf CSDs auch schon so nervtötend fand und erwäge, ob meine Unlust mit dem Alter zu tun hat. Dann tröste ich mich, dass es auf früheren CSDs auch nicht geregnet hat. Neben mir sagt ein hochgewachsener Mann: „No pride in Genocide.“ Mir fällt auf, dass er ein Palästinensertuch trägt. Offenbar hat er ein Plakat oder Transparent entdeckt. Ich frage mich, ob ich etwas sagen soll. Ich bin nicht hier, um mich zu streiten. Aber seine Bemerkung ärgert mich. Ich sage nichts, weil mir nichts einfällt, weil ich mich nicht fühlen will, als wäre ich polemisch oder unsachlich gewesen.

Ein paar Minuten später sehe ich es, das Plakat: „There is no Pride in Genocide.“ Und: „Free Palestine.“ Ich versuche, es mit dem Handy zu fotografieren, aber das Foto ist zu pixelig, das kannste keinem zeigen, denke ich. Der Bekannte, mit dem ich auf den Pride gegangen bin, fragt mich: „Macht dir das irgendwie was aus, das Schild?“

Ich sage mit Druck in der Stimme: „Natürlich macht mir das was aus. Dieses Plakat signalisiert, dass ich hier nicht hingehöre. Es ist doch komisch: Die Urgroßeltern haben wirklich einen Genozid erlebt oder begangen oder auch weggeschaut. Und die Urgroßenkel werfen ausgerechnet Israel einen Genozid vor.“ Mein Bekannter ist etwas verblüfft von meiner Rede und entschuldigt sich für seine Frage. Ich sage: „Im Gegenteil. Danke, dass du gefragt hast.“

Auf dem Weg nach Hause führe ich Selbstgespräche mit verteilten Rollen. Ich stelle mir vor mit den Palästina-Verstehern zu diskutieren. Ich könnte sagen: „Du solltest mal eine Woche in Gaza leben mit deinem Gay Pride.“ Dann würde mein Gegenüber sagen: „Lieber nicht. So wie Israel Gaza bombardiert.“ Dann würde ich sagen: „Wusstest du, dass Gaza nicht besetzt war, bevor Gazas Regierung beschlossen hat Israel zu überfallen, ein Pogrom anzurichten, Frauen zu vergewaltigen und Säuglinge zu töten.“ Dann würde mein Gegenüber sagen, dass die Besatzung schon vorher da war und dass Israel der Aggressor ist. Ich würde fragen, ob ihn oder sie die Lage der Palästinenser denn interessiert, und ob er meint, dass die unter einer Hamas-Regierung so gut ist. Wie ich es auch drehe und wende – ich kann mir das nicht erquicklich vorstellen. Wenn mein Gegenüber ein Typ ist könnte die Aggression vielleicht in bombigen Sex übergehen. Raketen in Israel, Granate im Bett. Sowas kommt nur im Film vor. Ich weiß nicht, ob ich das bedauern soll. Ich weiß auch gar nicht, ob sowas für mich gesundheitlich gut ist in meinem Alter. Man kann sich so furchtbar leicht irgendwas verrenken. Außerdem bin ich verheiratet.

Von den angenehmen Porno-Phantasien komme ich wieder auf die Fragen. Jemand könnte mich fragen, warum ich denn meine, „Free Palestine“-Plakate signalisierten, dass ich nicht willkommen sei. Solche Plakate seien schließlich berechtigte Kritik und keinesfalls Antisemitimsus. Ich würde sagen, weil das eine Form von Täter-Opfer-Umkehr sei. Dass siehe oben, dass Gaza nicht besetzt war, bevor die Regierung von Gaza, die Hamas, einen Krieg angefangen hat. Dass die Äußerung „Free Palestine“ eine Form von israelbezogenem Antisemitismus ist und dass ich mich deshalb nicht willkommen fühle. Mein Gegenüber würde sagen, dass „ihr“ immer mit Antisemiismus-Vorwürfen kommt und dass das dermaßen stereotyp sei. Ich würde fragen, ob sich mein Gegenüber überhaupt für meine Gefühle interessiert. Mein Gegenüber würde sagen: „Selbstverständlich interessiere ich mich für deine Gefühle, aber…“ Irgendein Aber würde kommen.

Schließlich sage ich mir, dass ich mich in einem Selbstgespräch befinde und dass in einem Selbstgespräch ich die Rollen verteile und auch die Textpassagen. Vor allem muss ich mich in einem Selbstgespräch nicht rechtfertigen.

Zu Hause trockne ich mich ab (Haare und Schuhe waren wirklich durchnässt), mache mir einen heißen Tee, da ruft ein Freund an. Vor einigem Tagen habe ich es wegen eines Computerproblems bei ihm probiert. Das Computerproblem ist schnell gelöst. Dann erzähle ich ihm von meiner Wut auf den CSD. Wir haben vor Jahrzehnten gemeinsam studiert, in Marburg.

Er fragt mich, ob ich mich nicht die vielen Palästinsertücher erinnern würde, die damals an der Uni getragen wurden. Erinnere ich mich? Wenn, dann nur dunkel. Ich sage: „Ich habe mich damals geschützt, indem ich sie nicht gesehen habe.“ Er sagt: „Das verstehe ich.“

Ich denke an meine Familie. Meine Mutter hat als Kind in Berlin erlebt, wie die Gestapo in der Tür stand und auf meinen Großvater gewartet hat. Sie selbst hat den Nationalsozialismus in England überlebt. Schon 1945 ist sie zurückgekommen. Sie und ihre Schwester waren die einzigen in dem jüdischen Kinderheim , deren Eltern überlebt haben. Deshalb konnte meine Mutter schon 1945 wieder nach Deutschland. Dort musste sie schnell Abitur machen, mein Großvater hat sie verdonnert, Latein zu lernen, das sei wichtig, dabei konnte sie nicht mal richtig Deutsch. Sie hatte den Wortschatz einer Sechsjährigen, erzählte sie mir später. Am Ende hat sie das Abitur selbstverständlich geschafft, als Klassenbeste.

Im Eiltempo hat sie ein Jurastudium abgelegt und mit „gut“ abgeschlossen. Das ist bei Juristen selten. Danach hat sie ein Referendariat abgelegt und war im Beruf auf vielen Jobs, die sie so gemacht hat, die erste Frau. Als sie schon pensioniert war, hat sie mir erzählt, dass sie eine Ausstellung über Justiz im Nationalsozialismus gesehen und festgestellt hat, dass alle ihre Referentariatsausbilder in der NSDAP und auch sonst stramme Nazis waren. Ich habe mir verkniffen zu sagen: „Was hast du denn gedacht?“

Die meiste Zeit hat sich meine Mutter unempfindlich gemacht. Von Diskriminierungen als Frau oder als Jüdin hat sie was gemerkt. Ich fand das fast unheimlich. Bei einem Telefongespräch in den letzten Jahren, meine Mutter hat im Pflegeheim gelebt, aufstehen konnte sie nur mit Hilfe, die Zeitung konnte sie nicht mehr lesen, Augen zu schlecht, das Fernsehen nicht wirklich hören, Ohren zu schlecht, erzählte ich, dass ich gerade einen Artikel über Antisemitismus schreibe. Darauf meine Mutter: „Ich merke davon nichts.“ Meine Antwort: „Wäre auch schlimm, wenn du etwas davon merkst.“

Gefühle und Stimmungen hat meine Mutter regelmäßig geleugnet. „Das hat der doch gar nicht gesagt.“ Zwischen den Zeilen gab es für meine Mutter nichts, nur weiße Fläche. ich verstehe, dass die Haltung für meine Mutter Sinn gehabt hat. Aber ich frage mich, ob es mir deshalb so schwer fällt zu sagen: „Das war eine Diskriminierung.“ Oder: „Das hat mich verletzt.“ Oder: „Was für ein antisemitisches Arschloch.“

Doch der Cologne Pride hat mich verletzt. Ich fühle mich dort nicht willkommen. Werde ich wieder hingehen? ich weiß nicht, ob ich mir das antue. Eigentlich sollte ich. Ich will den Raum nicht den Antisemiten überlassen.


4 Antworten

  1. info6fab9ce5fe4

    E

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  2. Pride: Kein Stolz für Antisemiten – Alles wieder gut

    […] lieber liest als hört (obwohl einem bei dem Thema Hören und Sehen vergehen kann) hier dasselbe Thema noch mal auf diesem Blog (etwas längerer […]

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  3. Hendrik

    Anstrengend bis ätzend, solche (mal etwas unpräzise bezeichnet) Intersektionalität. Ähnliche Probleme gibt es bei anderen Themen ja auch – vielleicht mag jemand den Klima-Aktivismus von FFF, aber nicht deren pauschale Kapitalismuskritik (oder, auch dort, das Hamas-Appeasement). Vielleicht möchte jemand gegen Rechtsradikale demonstrieren, aber trotzdem nicht mitbrüllen, dass man deren Wähler „hasst“. Allerdings gehen diese anderen Beispiele nicht so tief in die persönliche Biographie wie bei dir. Schöner Mist.

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    1. jakob68

      Vielen Dank für den Kommentar. Ich verstehe gut, dass bei Demos/Paraden unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Interessen dabei sind. Transgender legen vielleicht auf andere Dinge wert als Schwule. Lesben, die gehbehindert sind, wollen vielleicht was anderes als gehörlose Bisexuelle. Nur ist das hier wirklich der Fall? frage ich mich. Mir ist die Hamas nicht als die Speerspitze von queeren Rechten aufgefallen. Ich glaube, dass Menschen hier Hass und Hetze erliegen. Das ist aus meiner Sicht noch mal was anderes als Intersektionalität.
      ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Fahnen vom CSD in Gaza oder Ramallah getragen werden. Aber die gab es nicht.

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