40

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Mit Zahlen habe ich es nicht so. Aber ich kenne den Unterschied zwischen Plus und Minus. Und jetzt habe ich die Bedeutung der Zahl 40 entdeckt. Ach was „entdeckt“, ich habe sie gefühlt.

Von Gerald Beyrodt

Mein Verhältnis zu Zahlen ist ein bisschen, sagen wir, durchmischt. Ich kann eins und zwei zusammenrechnen, ich kann auch drei und vier zusammenrechnen. Ich kann unterscheiden, ob mein Konto im Plus oder Minus ist. Ich kann, wenn ich eine Magazinsendung moderiere, die Zeiten zusammenrechnen, auf einem Zettel. Das ist ziemlich wichtig. Es ist nämlich echt blöd, einen aufgezeichneten Vierminüter zu senden und nur noch zwei Minuten Zeit in der Sendung zu haben, und den aufgezeichneten Vierminüter auf der Mitte abwürgen zu müssen. Ich kriege das hin mit dem Zeiten-Ausrechnen, auf einem Zettel. Ein Kollege kann das im Kopf.

Und dann ist da noch die jüdische Arithmetik. Was wie lange gedauert hat, als wir durch die Wüste gewandert sind, ich müsste ehrlich gesagt nachsehen. Auch die Daten von Feiertagen im jüdischen Kalender, bestimmt wichtig, aber nicht so richtig mein Fachgebiet. Ich kann aber wie aus der Pistole geschossen sagen, dass die Schöpfung sieben Tage gedauert hat, Schabbat eingeschlossen. Immerhin.

Neulich waren wir in Menton, an der Côte d’Azur. Es war echt schön dort. Das Licht dort hat es mir angetan. Und das Meer war noch badewannenwarm. Und das Essen… ich sage Euch. Aber das ist mein Thema jetzt, aber ich sage Euch, das Essen war echt super lecker. Das Highlight war die Zitronenmarmelade.

Ich war schon mal in Menton, ich hatte dort als Schüler einen Sprachkurs. Ich habe ausgerechnet, wann das war, ich konnte das an Ereignissen in meinen Leben nachvollziehen, ja ja, noch vor dem Abitur und so weiter. Es war im Jahr 1986, vor 40 Jahren. Die eine Lehrerin im Sommerkurs hieß Astrid. Das weiß ich noch, weil meine schwäbischen Mitschüler das immer wie „Arschtritt“ ausgesprochen haben. Die Namen der anderen Lehrerinnen und Lehrer – vergessen, genauso wie die Namen der Gasteltern. Hingegen weiß ich noch, dass sie in der Route de Castellar wohnten.

Bei unserem Besuch in Menton habe ich auch die Grundschule wiedergesehen, in der damals der Sommersprachkurs stattfand, die Ecole Elementaire Mistral. Ich habe dieser Tage bei Google nachgesehen, wer Frédéric Mistral war. Das war ein Dichter und Sprachwissenschaftler, der in der dortigen Regionalsprache, auf Provenzalisch, geschrieben hat. Er hat sogar den Nobelpreis für Literatur bekommen. Warum habe ich das vor vierzig Jahren nicht gegoogelt? Richtig, weil es noch kein Google gab.

Französische Wörter habe ich damals in einem Wörterbuch nachgesehen. Das ist so ähnlich, wie die Dinger, die man heute auf dem Handy hat, aber auf Papier. Das muss ich jetzt erklären. Papier ist ein etwas altertümliches Speichermedium, das aber extrem selten abstürzt. Was war noch so vor 40 Jahren? Mein Blick war total westdeutsch. In Helmstedt war die Welt zu Ende. Ich war aufgewachsen in Niedersachsen, was immerhin zum Teil „Zonenrandgebiet“ war, wie man damals sagte. Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, dass drei Jahre später die Mauer fallen könnte. Ich habe den Eisernen Vorhang damals für eine ziemlich unumstößliche Tatsache gehalten. Mein Judentum? Ich wusste, dass meine Mutter jüdisch war, habe keine Konsequenzen für mich daraus gezogen.

Die Welt vor 40 Jahren war eine völlig andere oder schien mindestens eine völlig andere zusein. Dass ich die Welt in 40 Jahren erleben werde, ist eher unwahrscheinlich. Ich wäre dann 98.

40 Jahre in der Wüste: Langsam kriege ich ein Gefühl, was 40 Jahre heißen können.


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