Endlich ist es passiert: Ich habe an einer wissenschaftlichen Studie teilgenommen. Weil ich erkältet war, hatte ich die Möglichkeit dazu. Und dabei habe ich Erstaunliches erfahren über die Welt, in der ich aufgewachsen bin.
Von Gerald Beyrodt
Als ich neulich mit einer heftigen Erkältung zu Hause war, habe ich ziemlich viele Folgen von „Emergency Room“ auf Netflix geguckt und mich von Krankheit, Liebe und Dramatik berieseln lassen. Die Serie wurde in den Neunziger- und frühen Zweitausenderjahren gedreht. Mein Kalkül war natürlich: Der Krankenhaus-Serien-Konsum macht Erkältungskranke schneller gesund. Das ließ sich aber nicht evidenzbasiert und wissenschaftlich erhärten. Schade eigentlich. Aber so habe auch ich an einer medizinischen Studie teilgenommen, wenn auch an einer selbst initiierten.
Beschäftigt hat mich aber etwas anderes: nämlich die Technik. Röntgenbilder wurden noch entwickelt und zum Betrachten vor eine Lampe gehängt. Patientenakten wurden in Hängeregistern abgelegt. Ärztinnen, Ärzte und Krankenschwestern und Krankenpfleger machten Notizen auf Klemmbrettern. Nachrichten wurden ganz häufig am Empfang hinterlassen. Ganz selbstverständlich hat der Vater, die Schwester oder der Freund angerufen und um Rückruf gebeten. Gutachten wurden fotokopiert. Irgendwann, ganz langsa, bekamen Ärzte, Schwestern und Krankenpfleger Handys. Und auf diesen Handys wurde tatsächlich – angerufen.
Ich will nicht sagen, dass die Welt damals besser war, keineswegs. Mich wundert nur, dass ich diese Welt schon fast vergessen habe, obwohl das alles in meiner Lebenszeit passiert ist. Wie schnell eine technische Entwicklung Einzug gehalten hat, die ich nicht wirklich als Fortschritt bezeichnen möchte. Die ich mal als Vorteil betrachte und die mich manchmal grenzenlos verwirrt. Die Möglichkeiten eröffnet und andauernd das Gefühl vermittelt hinterherzuhinken. Solche Gedanken mache ich mir, wenn ich dick erkältet bin. Und ihr so?

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