Vor einigen Jahren habe ich einmal die Verleihung des Karlspreises in Aachen fürs Fernsehen co-kommentiert. Warum ich kommentieren sollte? Weil damals ein Oberrabbiner den Karlspreis bekommen hat.
Von Gerald Beyrodt
Schon bei der Vorbereitung wurde ich gefragt, ob denn der Rabbi zum Pontifikalamt kommen würde, zu einem katholischen Gottesdienst. Schon in dem Moment habe ich gedacht: Würde ich so reden und die Bedeutung von Gottesdienstnamen voraussetzen? Würde ich von Schacharit, Mincha und Maariv sprechen und erwarten, dass meine Aachener Kolleginnen und Kollegen folgen können? Jedenfalls ist offenbar üblich, dass die Preisträgerin oder der Preisträger vor der Verleihung zum Pontifkalamt geht.
Die Informationen über das Kommen des Oberrabbiners wechselten. Erst hieß es, er würde wahrscheinlich kommen. Dann sagte er doch ab und sagte, so erzählten es die Kollegen, er wäre gerne gekommen, aber könne es sich innerhalb der Orthodoxie nicht leisten, zu einem christlichen Gottesdienst zu gehen. Offenbar befürchtete der Mann, ein chrlistlicher Gottesdienst könne als Götzendienst aufgefasst werden. Und wenn der Oberrabbiner im Verdacht steht, bei Götzendienst anwesend zu sein, könnte schlecht für ihn aussehen.
Sicher kann man lange darüber diskutieren, ob ein christlicher Gottesdienst Götzendienst ist. Viele, vielleicht sogar die meisten Juden würden das wohl anders sehen. Schließlich versteht sich das Christentum als monotheistische Religion.
Auch während der Live-Übertragung wurde ich darauf angesprochen, dass der Oberrabbiner nicht zum Pontikalamt kam. Wie sich denn das mit Werten von Toleranz und guter Nachbarschaft vertragen würde, wurde ich gefragt (so erinnere ich mich). Ich habe sinngemäß gesagt, dass die Werte von Toleranz und guter Nachbarschaft nicht bedeuten müssen, dass alle dasselbe tun. Dass es doch ganz nett ist, wenn unterschiedliche Menschen Unterschiedliches tun und sich trotzdem ganz gut verstehen.
Ich habe noch lange darüber nachgedacht, was das für eine Erwartung ist, dass Preisträgerinnen und Preisträger unbedingt zum Pontifikalamt kommen müssen. Warum ist es tolerant, wenn Juden, Muslime, Atheistinnen unbedingt zu einem christlichen Gottesdienst kommen müssen? Warum ist es gute Nachbarschaft, wenn sie immer nur nach den Regeln der Mehrheitsgesellschaft stattfindet? Vielleicht macht man sich in Aachen auch nicht klar, dass so ein Pontikalamt etwas mit dem Christentum zu tun hat.
Hinterher habe ich noch recherchiert, dass es heutzutage eigentlich keine Pontikalämter mehr gibt – besondere Gottesdienste, bei denen ein Pontifex, ein Bischof dabei ist. Aber die Leute reden immer noch vom Pontikalamt. Am Hof des Namensgebers des Preises Karls des Großen soll es auch einen Juden gegeben haben. Ob der jemals zum Pontikalamt gegangen ist, weiß ich nicht.

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