Der jüdische Witz geht dahin, wo es weh tut. Von Gerald Beyrodt
Der jüdische Witz ist eine Waffe der Schwachen. Er bearbeitet Kränkungserfahrungen. Doch wenn es aktuell wird, wollen viele die Kränkungserfahrungen und die Witze nicht hören. Die Schilderung von Kränkungserfahrungen wird als kränkend empfunden. Der Anfang dieses Textes konnte in einer Zeitschrift so nicht nicht erscheinen.
Vor einiger Zeit kam ich verletzt, wütend und durchnässt nach Hause von der Queer-Pride-Parade in Köln. Das mit der Nässe lässt sich am leichtesten erklären. Es hatte geregnet, ich mochte nicht die ganze Zeit den Schirm halten. Zudem hatte ich Textilschuhe an, die waren hinterher genauso nass wie meine Haare. Ich habe mein Gefühl am nächsten Tag in einen Witz gegossen und auf meinem Blog geschrieben:
„Auf der gestrigen Cologne Pride habe ich so viel ‚Free Palestine‘-Zeug gesehen, dass ich jetzt doch überlege, mich einer Konversionstherapie zu unterziehen und hetero zu werden.“
In dem Witz steckt mein Ärger auf eine
In dem Witz steckt mein Ärger auf die Queerszene. Weltweit werden jüdische Gruppen von Pride-Paraden ausgeschlossen, man macht sie für die Art und Weise verantwortlich, wie die israelische Regierung gegen ein Pogrom reagiert. Mein Witz ist zweifelsohne der Witz eines Juden, in meinem Fall eines schwulen Juden. Aber ist es deshalb auch ein jüdischer Witz? Oder ist es vielleicht schwuler Witz? Oder hat mein Witz vielleicht gar keine Religion und sexuelle Orientierung? Ist es am Ende einfach nur ein Witz? Und vielleicht nicht einmal das? Weil er vielleicht gar nicht witzig ist?
Letzteres kann ich zum Glück ausschließen. Nicht, dass ich mir meiner eigenen Pointe so sicher wäre. Aber mir kommt die Idee: Auch ein Witz, dessen Pointe nicht zündet, ist ein Witz. Aber ist es ein jüdischer Witz?
Ich überlege, ob ich auf die Antwort komme, wenn ich mal untersuche, welche Gefühle mein Witz so auslöst. Ich habe ihn auf Social-Media gepostet und dafür viele Likes und Emojis bekommen. Die meisten Likes sind von Jüdinnen und Juden. Die meisten Emojis auch. Da sind viele lachende Gesichter, aber auch viele Tränen. Diese Mischung aus Lachen und Weinen – zeichnet sie nicht den jüdischen Witz aus?
Ich beschließe die Sache zu analysieren und möchte deshalb beim Vater der Psychoanalyse nachsehen, bei Freud. Der hat mit seinem Werk „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ eine Theorie des Witzes entworfen. Inoffiziell ist es eine Theorie des jüdischen Witzes. Aber Freud hat oft mit seinem Judentum hinterm Berg gehalten. Während ich so nachdenke über Freuds Umgang mit seinem Judentum, fällt mir ein jüdischer Witz ein:
Nach vielen erfolglosen Sitzungen sagt der Familientherapeut zur Mutter: „Frau Cohen, ich muss Ihnen leider mitteilen, Ihr Sohn hat einen Ödipus-Komplex.“
„Ach was, Ödipus, Schnödipus. Hauptsache, er hat die Mama lieb.
Der Witz ist schon etwas älter, vermute ich. Denn wer sagt heute noch ‚Schnödipus’? Doch die jüdische Mutter, die jiddische Mame, gehört zum festen Inventar des jüdischen Witzes. Stets ist sie darauf bedacht, dass ihre Söhne Rechtsanwalt oder Arzt werden. Gerne ist sie mal der Verzweiflung nahe.
Sagt die italienische Mutter zum Kind: „Iss deine Pizza! Oder ich bringe dich um.“
Sagt die jüdische Mutter zum Kind: „Iss deinen Kugel! Oder ich bringe mich um.“
Ein Kugel ist ein Auflauf, salzig oder süß, und in der jüdischen Küche Osteuropas weitverbreitet. Und gleich fällt mir noch ein Witz ein, den mir vor vielen Jahren die Therapeutin Elisabeth Jupiter erzählt hat.
Drei ältere Damen streiten sich, wer den besten Sohn hat. Sagt sie: „Ich hab den besten Sohn. Der ist ein fantastischer Zahnarzt, arbeitet wie verrückt, aber jeden Schabbes ist er bei mir.“ Sagt die zweite: „Ist noch gar nichts. Mein Sohn ist Geschäftsmann, wahnsinnig viel zu tun, verdient, was er will, aber einmal die Woche geht er mit mir einkaufen.“ Sagt die dritte: „Ist noch gar nichts. Meiner ist Anwalt auf der Fifth Avenue, verdient, was er will, kann sich den besten Analytiker leisten, zahlt vier mal in der Woche vierhundert Dollar und spricht dort nur über mich.“
Der Witz gefällt mir echt gut. Nur leider habe ich jetzt vor lauter Witzen vergessen, bei Freud nachzuschauen. Dort steht zu lesen: „Die Bedingung der Selbstkritik mag uns erklären, dass gerade auf dem Boden des jüdischen Volkslebens eine Vielzahl der trefflichsten Witze erwachsen sind (…).Es sind Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische Eigentümlichkeiten gerichtet sind. (…) Ich weiß übrigens nicht, ob es vorkommt, dass sich ein Volk in solchem Ausmaß über sich selbst lustig macht.“ Freud kannte die Deutschen, die Österreicher, die Ungarn. Die jedenfalls machten sich nicht über sich selbst lustig oder nicht „in solchem Ausmaß“.
Zwei Juden sehen das Schild an einer Kirche: „Juden, die konvertieren, bekommen 2000 Dollar.“ Einer geht rein und lässt sich taufen. Sagt der andere: „Und hast du die 2000 Dollar bekommen?“ – „Du bist wie alle Juden. Du denkst nur ans Geld.“
Der Witz nimmt nicht nur als jüdisch empfundene Eigenarten aufs Korn. Er macht sich auch über die Diskrimierung lustig. Seit vielen Jahrhunderten ist der jüdische Witz eine Waffe der Schwachen. Der Begriff ist einst entstanden, um Schriftsteller wie Heine und Börne zu brandmarken- Schriftsteller, deren Witze scharfe Spitzen hatten. Die jüdischen Schriftsteller haben den Spieß umgedreht und den scharfen Humor zu ihrem Markenzeichen gemacht. Doch was heißt jüdische Schriftsteller? Heinrich Heine ist zum Protestantismus konvertiert, wie es zu seiner Zeit viele taten in der Hoffnung auf Anerkennung. Die Anerkennung blieb dem promovierten Juristen versagt, der Makel des Judentums blieb an ihm haften. Der jüdische Witz ist ein Weg, den Makel zum Vorzug zu machen. Literaturgeschichte erzählt der politisch freiheitlich gesinnte Dichter so: „Ich glaube, daß es Fr. Schlegeln mit dem Katholizismus Ernst war. Von vielen seiner Freunde glaube ich es nicht. Es ist hier sehr schwer, die Wahrheit zu ermitteln. Religion und Heuchelei sind Zwillingsschwestern, und beide sehen sich so ähnlich, daß sie zuweilen nicht voneinander zu unterscheiden sind.“ Für Heinrich Heine war „Witz“ viel mehr als ein kurzer Text mit Pointe am Ende. Für Heine war der Witz eine Erkenntnisform. Heine schreibt lange Essays über die Deutschen und die Franzosen, die Religion und die Philosophie. Witzig sind sie alle. Und fast immer ist der Witz bei Heine Mittel des politischen Kampfes. Über die Witze des großen Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing schreibt Heine Sätze, die auch auf ihn selbst zutreffen: „Wen sein Schwert nicht erreichen konnte, den tötete er mit den Pfeilen seines Witzes. Die Freunde bewunderten die bunten Schwungfedern dieser Pfeile; die Feinde fühlten die Spitze in ihrem Herzen. Der Lessingsche Witz gleicht nicht jenem Enjouement, jener Gaité, jenen springenden Saillies, wie man hier zu Land dergleichen kennt. Sein Witz war kein kleines französisches Windhündchen, das seinem eigenen Schatten nachläuft; sein Witz war vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spielt, ehe er sie würgt.“ Lange nach Heines Zeit haben Kurt Tucholsky und Egon Friedel das Etikett „jüdischer Witz“ genutzt. In unseren Tagen steht Maxim Biller für Witze, die so sehr an die Grenze gehen, dass sie weh tun, und so gut sind, dass sie doch nicht weh tun. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes brillieren Sarah Silverman und viele andere mit Witzen, die an die Grenze gehen. Macht der jüdische Witz vor der Schoa halt? Tut er nicht. Der israelisch-östereichische Schriftsteller Doron Rabinovici erzählt in einem fulminanten Essay folgenden Witz:
„Josef, bringen Sie mir einen Tee und den Völkischen Beobachter“, bittet ein Jude 1946 im Kaffeehaus. Darauf der Ober: „Aber gnädiger Herr, ich habe Ihnen doch schon hundert Mal gesagt, den Völkischen Beobachter gibt es nicht mehr.“ – „Ich weiß“, meint der Jude: „Aber ich kann’s nicht oft genug hören.“
Hat das alles mit Religion zu tun? Irgendwie schon.
Ein jüdischer Kommunist schickt seinen Sohn in New York auf die katholische Schule. Eines Tages kommt der Sohn nach Hause und erzählt begeistert von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Darauf der Vater: „Erstens gibt es nur einen Gott. Und zweitens – an den glauben wir nicht.“
Warum erzählen Juden so gerne Witze über die eigene Religion? Mir scheint,dass unter Jüdinnen und Juden die Angst weniger verbreitet ist, ein Witz könne religiöse Gefühle verletzten. Juden streiten sich um die Frage, wie man den Schabbat im einzelnen hält oder verletzt, wie man die Koscher-Regeln hält oder verletzt, weniger um die Eigenschaften Gottes oder das Leben nach dem Tod. Vielleicht haben wir weniger Probleme mit Widersprüchen.
Ist die Bibel komisch? Das ist ganz sicher Ansichtssache. Ich persönlich finde die Bibel brüllend komisch. Wenn alle Völker riesige Ikonen und Götzenbilder zimmern und schmieden, und die Israeliten gerade mal ein Kalb zustande bringen – mir gefällt das. Oder als Gott endgültig, wie er meint, die Schnauze voll hat von seinem Volk und die Israeliten allesamt auslöschen will. Und wie Mose ihn mit PR-strategischen Argumenten vom Gegenteil überzeugt. Was denn die anderen Völker denken sollten, wo er die ganze Schöpfung und den ganzen Auszug aus Ägypten hochgezogen hat und dann am Ende sein Volk umbringt? Das Argument verfängt, und die Geschichte der Beziehungskrisen zwischen Gott und Israel kann weitergehen.
Auch den Talmud finde ich oft sehr lustig. Wie ein Mann wettet, er könne den geduldigen Hillel aus der Reserve locken, ihn kurz vor Schabbat (als sich Hillel vermutlich schick macht) mehrmals stört, ihn mit den den schwachsinnigsten Fragen traktiert und immer wieder nur die Antwort bekommt: „Mein Sohn, du hast eine wichtige Frage gestellt.“ Mir gefällt auch, dass der Talmud vom Mundgeruch des Rabbi Elieser berichtet. Zum Vergleich: Die Odyssee nimmt sich wirklich viel Platz für ihren Helden Odysseus, verliert aber kein Wort über dessen Fußpilz. Allerdings hat der Talmud einen Grund, vom Mundgeruch von Rabbi Elieser zu berichten. Seine wohlhabende Familie gibt ihm kein Geld, weil er sich dem Toralernen verschrieben hat statt dem Geschäft. Doch vom Toralernen lässt er sich nicht abhalten, er ist jetzt arm, lebt auf der Straße und hat halt Mundgeruch.
Andere Religionen haben bestimmt auch ihre Meriten. Aber ich gehöre einer Religion an, in der selbst die Helden kleine und nicht ganz so kleine Makel haben und in der Gott selbst manchmal der Geduldsfaden reißt und die besonders heiligen Schriften an manchen Stellen auch besonders lustig sind.

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