Die Trauer dauert länger, als die Freundinnen und Freunde denken. Und sie äußert sich anders, als ich denken würde. Auf eine Weise ist mir meine Mutter gegenwärtiger.
Von Gerald Beyrodt
Manchmal gibt es Nachfragen.„Welche Trauer?“ Die um meine Mutter. Meine Mutter ist vor neun Monaten gestorben. Diesen Monat hätte sie Geburtstag. Dass ich noch um sie trauere, scheint für die Freundinnen und Freunde nicht selbstverständlich zu sein.
„Vermisst du sie sehr?“, ist die nächste Frage. Eine Frage, die ich nicht beantworten kann und die ich mir nicht gestellt habe.
Ich denke andauernd an meine Mutter, mehr als ich es früher tat. Das und das hat sie erlebt, da und da ist sie gewesen. Meistens sind es Erlebnisse, die mich auf die eine oder andere Weise geprägt haben. Die Kindheit meiner Mutter in England, das Aufwachsen in einem jüdischen, einem orthodoxen Kinderheim. Ihr Judentum, ihre Schwamm-drüber-Haltung, ihr Pragmatismus, ihre Verdrängung, ihre Berlinische Sprachfärbung.
Ich denke daran, wie ich sie im Rollstuhl geschoben habe und mit ihr durch die Eilenriede gelaufen bin, den Hannoverschen Stadtwald. „Echad – ani jodea“ habe ich mit ihr gesungen, „Eins, ich weiß, was eins ist“, ein Kinderlied zum jüdischen Pessachfest. „Und was ist eins?“, habe ich meine Mutter gefragt. Eins ist Gott. Bei Gesprächen war meine Mutter einsilbig, aber gesungen hat sie gerne.
Das Lied ging weiter mit zwei und drei. Meine Mutter wusste, dass zwei die Bundestafeln sind und drei die Erzväter. Manchmal brauchte es etwas Überlegung. Ohne Überlegung wusste sie immer, dass vier die Imaot, die Erzmütter sind.
Wir haben die fröhliche Melodie von „Echad – mi yodea“ auch gesungen, wenn Pessach noch gar nicht angefangen hatte oder schon vorüber war.
Die Strophen, die alle immer alle bereits genannten Zahlen und ihre jüdische Bedeutung wiederholten, waren eine gute Unterhaltung. Dann kam fünf, die Fünf Bücher Mose, und dann sechs, die Ordnungen der Mischna. Das hat sie meistens nicht mehr gewusst.
Auf eine Weise ist mir meine Mutter gegenwärtiger, als sie es zu Lebzeiten war. In einem jüdischen Vortrag zum Totengebet Kaddisch erzählte eine Rabbinerin, sie habe oft erlebt, dass Menschen, die sterben, ihr plötzlich gegenwärtig waren – ohne dass sie von ihrem Tod gehört hätte.
Gegenwärtigkeit im Moment des Todes? Kann ich nicht sagen. Aber in den Monaten danach ist mir meine Mutter tatsächlich präsenter geworden. Ich blicke auf ein Bild von ihr im Rollstuhl. Sie blickt fröhlich in die Kamera. Ich kriege beim Betrachten feuchte Augen.
Ich stehe in der überfüllten Kölner Straßenbahn und denke: „Diese Menschen werden alle tot sein und ich auch.“ Das ist irgendwie deprimierend und unglaublich. Trotzdem ist es wahr. Früher habe ich sowas nicht gedacht.
In einem Buch über jüdische Trauerrituale lese ich, wenn der Tod des oder der Angehörigen einige Monate her sei, fühlten sich Trauernde vom Freundeskreis oft nicht mehr beachtet. Offenbar geht es vielen so ähnlich wie mir.
Aber was soll ich meinen Freunden sagen? Soll ich immer wieder sagen, dass ich noch traurig bin?
Kann man machen, möchte ich aber nicht zu oft tun. Ich habe das Gefühl, dass ich gar nichts Neues erzählen kann. Meine Mutter ist tot wie vor einem Monat und vor zwei oder drei Monaten auch. Und ich kann auch verstehen, dass die Freunde nicht immer wieder nachfragen. Aber ich bin nicht fertig mit meiner Trauer.
Auf unserem Fensterbrett steht ein weiteres Bild meiner Mutter. Sie trägt einen roten Anorak und steht vor einem Ausflugsschiff in Chicago, neben ihr ein Rettungsring. Solche Touristenfotos werden in Chicago zu Tausenden gemacht.
Meine Mutter blickt fröhlich in die Kamera, etwas gestellt vielleicht. Ein Schiff wird kommen, denke ich. Meine Mutter winkt. Dieses Winken geht mir noch lange durch den Kopf. Vielleicht ist es ein Abschiedswinken.

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