Glosse von Gerald Beyrodt
Dieses Plädoyer für die Gebetsmühlen, das Gebetsmühlenartige und für die Wiederholung als solche habe ich vor einigen Jahren geschrieben. Ich wiederhole es hier – gebetsmühlenartig.
Wenn man im Deutschen so richtig fies sein will, dann sagt man seinem Gegenüber, er oder sie wiederhole etwas „gebetsmühlenartig“. Ich muss an dieser Stelle mal ein Geständnis machen: Ich habe absolut keine Erfahrung mit Gebetsmühlen. Mit Kaffeemühlen und Pfeffermühlen ja- mit Gebetsmühlen eher nicht. Aber solche Erfahrungen haben diejenigen, die andere der Gebetsmühlenartigkeit beschuldigen, vermutlich auch nicht. Trotzdem beleidigen sie munter drauf los. Manager werfen sich in unerträglich langen Teamsitzungen vor, sie wiederholten dieses und jenes gebetsmühlenartig, Lehrer sagen sich das in Zeugniskonferenzen, selbst Pfarrer gebrauchen die Gebetsmühle als ultimative Verfluchung.
Das alles zeigt: Die Wiederholung hat ein schlechtes Image. Ich kann das verstehen. Ich höre auch nicht gerne in endlos langen Sitzungen denselben Satz gerne zum sechsten Mal. Zumal, wenn es sich um Sätze handelt, deren Sinngehalt mir absolut schleierhaft ist.
Ich glaube nur, dass die Gebetsmühlen nichts dafür können. Religion lebt von der Wiederholung. Fünf Mal täglich beten Muslime, drei Mal täglich beten Juden. Da ist nicht alles neu und originell. Da werden häufig dieselben Texte wiederholt. Religionen begleiten die immer gleichen Lebensabschnitte mit den immer gleichen Ritualen : am Anfang kommt die Taufe oder ähnliches, nach einiger Zeit das Erwachsenwerden, Konfirmation oder ähnliches am Ende die Beerdigung.
Es wäre sicher originell, mit der Beerdigung anzufangen, aber kaum jemand tut das. Auch im Jahrkreis sind die Religionen erstaunlich konstant – Ostereier an Ostern, Baum und Geschenke an Weihnachten, auf keinen Fall Geschenke an Karfreitag.
Religion soll immer neu und bahnbrechend und spirituell sein, aber zum Teil funktioniert sie auch wie ein Uhrwerk. Im Buddhismus soll man gerade durch den Gebrauch von Gebetsmühlen spirituell erwachen, habe ich gelesen.
Auch im Alltag muss nicht jede These neu und originell sein. Ich zum Beispiel halte es mit der These, dass Demokratie gut ist und Diktatur schlecht. Ich weiß, das ist platt. Ich habe aber gar nichts dagegen, das öfter zu hören. Zwei, drei, vier, fünf Mal und auch gebetsmühlenartig.

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